Hartmut Schulz


my MEDIEVAL SONGBOOK

Hildegard von Bingen - Adam de Saint-Victor

Dieses Programm vereint die Werke der Hildegard von Bingen und die Sequenzen ihres Zeitgenossen Adam de Saint-Victor. Ausgewählt wurden dafür Werke beider Musiker, die sich historischen Heiligen, den mittelalterlichen Nachfolgern Christi als Märtyrer und als Kirchenväter widmen - Werke also, die nicht die Transzendenz und Mystik der christlichen Lehre feiern, sondern Bezug zum Leben und der Wirklichkeit des Mittelalters haben. Der Hörer begegnet dem Binger Schutzheiligen Rupert - dem Namensgeber des Klosters der Hildegard - und der Heiligen Genoveva, deren Vita in Frankreich ebeso populär war wie in Deutschland. Und mit seinen Sequenzen auf Thomas Becket - den Heiligen Thomas von Canterbury - wendet sich Adam de Saint-Victor sogar an eine Person aus seinem Bekanntenkreis.  

Wer waren die beiden Komponisten?

Komponistin entrückter Melodien für ein Kloster adliger Fräulein hoch über dem malerischen Rheintal, naturnahe Heilerin und Visionärin von  sprühender, zutiefst mystischer Wortgewalt - all dies war Hildegard von Bingen sicherlich und diese Qualitäten machen sie über 900 Jahre hinweg heute zum "Star". Aber diese friedliche, in allen Farben funkelnde Seite ihres Wesens ist nur die eine Facette einer Frau, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden ihrer Zeit stand: ihr Kampf für das eigene Kloster, ihre Interventionen an die Mächtigen aus Politik und Kirche und ihre weit ausholenden und im Mittelalter extrem strapaziösen Predigtreisen zeigen eine andere Seite. Hildegard war ein Mensch mit starken Überzeugungen und einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein. Und so sehr die auch in ihren eigenen Belangen auf Eigenständigkeit pochte, so sehr war sie doch ein Kind ihrer Zeit. Nicht-adlige Frauen im selben Kloster mit ihr? Nie und nimmer. Toleranz gegenüber Andersdenkenden oder gar Andersgläubigen? Ein Fall für's Höllenfeuer. Die Aufgabe des Menschen lag in der Läuterung seiner Seele, in der Suche nach der ewigen Gnade schon im Hier und Jetzt. Kompromisslos und zielstrebig.

Wegweiser durch das irdische Leben waren für Hildegard und ihre Zeitgenossen die Heiligen. In ihren Lebenswegen manifestierte sich die Gewissheit, dass die Himmel erreichbar waren, dass das Bekenntnis zu Gott und ein entsprechender Lebenswandel die Grenze zwischen irdischem Dasein und dem ewigen Leben nach dem Tod überwinden können. Das Programm 'my MEDIEVAL SONGBOOK' wählt nun solche Stücke aus, die diesen Heiligen, den Märtyrern und Bekennern gewidmet sind. Während viele ihrer Antiphone, Responsorien und Hymnen für den eigenen Gebrauch im Klosteralltag Verwendungen fanden, sind die meisten ihrer Stücke in diesem Konzertprogramms vermutlich für Männerstimmen geschriebene 'Auftragswerke', die die Mönche der Klöster in Trier und des Disibodenberg bei Hildegard erbeten hatten (vergl. M. Richter-Pfau/ S.J. Morent 'Hildegrad von Bingen' 2005). 

Adam de Saint-Victor hingegen schrieb seine Werke ausschließlich für den Gebrauch in seinem direkten Umfeld - dem kloster Saint-Victor in Paris, dessen Namen er trägt und dem er Zeit seines Lebens verbunden war. Nur Weniges ist bekannt über Adam, der seinen Zeitgenossen schon als Inbegriff poetischer Vollendung in der geistlichen Lyrik galt. Aber wie Hildegard, stand auch Adam in Kontakt mit einer Reihe bedeutender Theologen, Dichter und Musiker seiner Zeit, wie Petrus Abaelardus und Hugo von Sankt Viktor oder eben Thomas Becket, dem von Henry II. erschlagenen Erzbischof von Canterbury. 

Gegensätzlich ist aber vor allem ihr Ansatz in Musik und Dichtung: während Hildegard sowohl in ihren Texten als auch in ihrer Musik mit großer, expressiver Geste auf das Allgemeingültige und Ewige verweist, ist Adams Lyrik von tief empfundener Innerlichkeit, seine Musik dabei aber volksliedhaft schlicht.  

     
my MEDIEVAL SONGBOOK
Besetzung: Bariton, Klavier
auf Wunsch auch Streicherbesetzung (Trio, Barockinstrumente)
Dauer: ca. 60 Minuten
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